Zahngesundheit Einstellungssache – Höheres Parodontitisrisiko für Diabetespatienten

Köln im April 2015. Diabetes mellitus entwickelt sich in Deutschland mehr und mehr zur Volkskrankheit Nr. 1. Laut Angaben der Deutschen Diabetes Hilfe steht die „Zuckerkrankheit“ mit weit über 8 Millionen Betroffenen an vorderster Stelle der chronischen Erkrankungen. Bleibt Diabetes unbehandelt, führt er zwangsläufig zu erheblichen Gesundheitsschäden und sogar zum Tod. Neben vielen anderen Symptomen leiden Betroffene unter einer besonderen Anfälligkeit für Infekte, was sich auch in der Zahngesundheit bemerkbar macht. Dr. med. dent. Thea Lingohr MSc., Zahnärztin und Oralchirurgin aus Köln und Inhaberin der Zahnarztpraxis Dr. Lingohr & Partner, kennt das Risiko: „Viele Patienten wissen nicht, dass neben den bekannten Spätschäden auch Parodontitis zu den typischen Diabetesfolgeerkrankungen zählt. Regelmäßige Kontrolltermine fallen daher für Betroffene doppelt, eigentlich sogar dreifach ins Gewicht, da sich bei schlecht eingestelltem Blutzucker das Risiko einer Parodontalerkrankung verdreifacht.“

Gute Werte für die Zähne

In Deutschland leiden rund 20 Millionen Patienten unter behandlungsbedürftiger Parodontitis, einer Entzündung des Zahnbettes, hervorgerufen durch Stoffwechselprodukte verschiedener im Zahnbelag (Plaque) angesiedelter Bakterien. „Bemerkbar macht sich diese ebenfalls chronische Erkrankung etwa durch Zahnfleischbluten, Mundgeruch, vergrößerte Zahnfleischtaschen sowie Zahnfleischrückgang und führt unbehandelt sogar zu Zahnverlust“, erklärt Dr. Lingohr und ergänzt: „Nur die wenigsten wissen, dass Diabetes und Parodontitis dabei in Wechselwirkung zueinander stehen.“ Auf der einen Seite begünstigt eine schlechte Blutzuckereinstellung die Häufigkeit, den Schweregrad und die Entwicklung der Entzündungen, da hohe Blutzuckerwerte (HbA1c-Wert) die Widerstandskraft des Zahnapparates gegen Infektionen schwächen und Entzündungsherde im Mund schlechter heilen. Bei gut eingestellten Diabetikern verringern sich Erkrankungsrisiko und Therapieerfolge auf das Niveau von Nichtdiabetikern. Auf der anderen Seite wirkt sich eine chronische Parodontitis negativ auf den Diabetes aus. Durch kleinste wunde Stellen im Mundraum dringen Bakterien in den Blutkreislauf ein und setzen körpereigene Stoffe frei, die eine Abwehr- und Stressreaktion des Organismus hervorrufen. Dadurch verstärkt sich die Insulinresistenz der Zellen und der Blutzuckerspiegel steigt an. Hyperglykämie wiederum verstärkt den Entzündungsverlauf durch Bildung des Reaktionsproduktes AGE (Advanced Glycation End Product) und beschleunigt dadurch den Krankheitsverlauf. Für Diabetiker erschwert eine manifestierte Parodontitis somit die Stoffwechselkontrolle und verschlechtert die glykämische Einstellung.

Wege aus dem Teufelskreis

Fachzahnärzte warnen, dass eine chronische Parodontitis den Diabetes nicht nur verschlimmert, sondern in einigen Fällen bei völlig gesunden Patienten sogar hervorruft. Bei einer mittleren bis schweren Form der Parodontitis steigt das Risiko einer Diabetes-Neuerkrankung um das 3,5-fache. Dr. Lingohr kennt die Spätfolgen: „Unbehandelte chronische Parodontitis verstärkt auch weitere diabetische Komplikationen, wie etwa Nierenschäden und Verengung der Blutgefäße. Ebenfalls treten häufig Symptome wie Mundtrockenheit, orale Pilzinfektionen und Veränderungen der Mundschleimhaut auf. Daher sollte jeder Betroffene seinen behandelnden Zahnarzt umgehend auf die Diabeteserkrankung aufmerksam machen, um in Zusammenarbeit mit dem behandelnden Hausarzt die Risiken einzugrenzen.“ Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (CGP) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) entwickeln derzeit Leitlinien für eine frühzeitige und disziplinübergreifende Diagnostik und Behandlung mit konkreten Empfehlungen für ein abgestimmtes Vorgehen unter den behandelnden Ärzten. „Diabetiker sollten besonders intensiv auf ihre Zahnpflege achten, keine Kontrolltermine vernachlässigen und eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung durchführen“, ergänzt die Fachzahnärztin.

Implantate trotz Diabetes

Trotz der Tatsache, dass Diabetes die Infektionsgefahr erhöht und Wundheilungsstörungen fördert, steht Patienten auch eine Versorgung mit einem Zahnimplantat offen. Dr. Lingohr gibt Entwarnung in Bezug auf den dauerhaften Zahnersatz: „Nicht eingestellter Diabetes gilt nur als temporärer Hinderungsgrund, der nach erfolgreicher Behandlung eine spätere Implantation durchaus möglich macht. Nur besondere Fälle der Stoffwechselerkrankung stellen ein absolutes Ausschlusskriterium dar.“ Aufgrund enormer Fortschritte der Implantologie steigt die Erfolgsquote bei Implantationen auf ähnlich gute Werte an wie bei Patienten ohne Zuckerkrankheit. Als Voraussetzungen müssen jedoch eine gute Blutzuckereinstellung vorliegen und bestimmte vorbereitende bzw. begleitende Maßnahmen eingeleitet werden, wie beispielsweise eine Verringerung der Gesamtbakterienzahl im Mund sowie die Einnahme eines Antibiotikums vor der Implantation und während der Einheilphase. Bei einem erhöhten HbA1c-Wert trifft die Fachzahnärztin vor oralchirurgischen Eingriffen und Parodontitisbehandlungen solche Vorkehrungen generell, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Weitere Informationen unter www.dr-lingohr.de

Dr. Dr. med. dent. Thea Lingohr MSc.