Leseprobe aus „Der Masanao Adler“ von Dieter R. Fuchs

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Als Tomomi, wie immer seltsam gebannt und fasziniert beim Anblick der Schnitzerei, schon wieder ein seltsames Kribbeln am Körper spürte, wurde der kleine Adler in ihren Gedanken regelrecht lebendig, so sehr berührte seine Aura ihre Fantasie. Im Innersten glaubte die Japanerin fast zu hören, wie es aus der Vitrine in sie drang und säuselte: ´So löst doch endlich mein Rätsel und gebt mir meinen Frieden zurück´.
Tomomi riss sich zusammen, rief ihre Gedanken wieder zu logischer Ordnung und war sich bewusst, dass es eigentlich nicht nur das Netsuke selbst war, das ihnen so große Rätsel aufgab. Es war vielmehr auch der Inhalt jener seltsamen Schatulle, die zu diesem Netsuke zu gehören schien und von der Marco Renke immer recht geheimnisvoll sprach.
Die junge Chemikerin hatte nur ein einziges Mal einen Blick auf diese ungewöhnliche Beigabe werfen können, denn ihr Chef hielt diese stets in dem kleinen Tresorraum verschlossen, der an sein Büro angrenzte. Sie erinnerte sich aber gut an die mit Schnitzereien verzierte Holzschatulle von der Größe eines Pilotenkoffers. Diese öffnete sich mittig und die beiden dann zugänglichen Hälften ließen sich ein weiteres Mal nach außen aufklappen, sodass vier gleich große flache Behältnisse nebeneinander vor dem Betrachter lagen, durch kunstvolle Messingscharniere miteinander verbunden. Diese einzelnen Abteile waren jeweils weiter untergliedert, teilweise in Dokumentenfächer, teilweise in mit Samt ausgepolsterte Behältnisse und Futterale, manche mit Deckeln oder Befestigungen versehen.
Der Koffer schien nur teilweise gefüllt zu sein mit Schriftstücken und kleinen Objekten. Zumindest soweit sie es damals sehen konnte, als ihr Marco einen kurzen Blick auf seine ´Schatztruhe´ gönnte, wie er ihn ironisch nannte. Er hatte Tomomi bei dieser Gelegenheit auf zwei Details des Inhalts näher hingewiesen, bevor er die Schatulle wieder zusammenklappte und wegschloss: Auf ein Dokument, das er einem der flacheren Fächer entnahm und ihr vor die Augen hielt. Sowie auf eine im Koffermittelteil integrierte Miniaturvitrine, die aus dickem, glasklarem Kunststoff bestand. Im Zentrum dieses kleinen aufklappbaren Quaders war eine exakte Negativform des Adler-Netsuke zu erkennen, ausgekleidet mit einer dünnen, weichen Silikonschicht. Dies stellte einen sicheren und maßgefertigten Aufbewahrungsort für das kleine Prachtstück dar.
„Nun hast du auch das Original gesehen – nicht, dass du glaubst, ich will dich zum Narren halten.”
Er hatte es damals mit einem Schmunzeln gesagt, aber sein Blick drückte etwas anderes aus. Es ging ihm ernsthaft darum, sie ins Vertrauen zu ziehen und sicherzustellen, dass sie sich der Seriosität ihrer gemeinsamen Nachforschungen trotz derart skurriler Umstände bewusst war.
Den Text auf dem handgeschriebenen, leicht vergilbten Dokument kannte sie bereits aus einem Scan, den ihr Marco einige Tage zuvor spät abends überraschend zum Lesen gemailt hatte. Normalerweise belästigte er seine Mitarbeiter nicht in ihrer Freizeit, so gut kannte sie ihn schon. Sein Begleittext in der Mail lautete damals: ´Was hältst du von diesem netten Stück Prosa? Viel Spaß bei der Lektüre, ich freu´ mich auf dein Feedback in den nächsten Tagen.´
Sie hatte den Text sofort gelesen, anfangs eher verwundert und amüsiert, dann plötzlich alarmiert und schließlich hellwach. In der folgenden Stunde studierte sie die wenigen Seiten dann intensiv und hinterfragte einzelne Aussagen darin mittels diverser Internet-Recherchen. Zunächst erschien es ihr völlig abwegig, dass diese Kurzgeschichte tatsächlich einen realen Bezug zur Herkunft des Elfenbeins haben sollte, aus dem Masanao dieses Netsuke geschaffen hatte. Aber wenn sie die rein logische Bewertung der Sachlage ignorierte, räumte sie intuitiv ein, dass an dieser Geschichte vielleicht doch etwas dran sein könnte. Irgendeine Verbindung musste es geben, schließlich hatte jemand jene Schatulle anfertigen lassen, um genau diese Schnitzerei zusammen mit genau diesen Schriftstücken, unter anderem dem Dokument mit der Überschrift ´Tod in Afrika´ als eine Einheit aufzubewahren.
Die merkwürdige Erzählung war Tomomi, während sie mit Marco schweigsam vor der Wandvitrine stand, wieder sehr präsent. Es kam ihr fast beängstigend vor, dass der Inhalt dieses Dokuments mit der Datumsangabe ´Fünfter Mai 1986´ so perfekt mit ihren neuesten Forschungsergebnissen übereinstimmte. Damals beim ersten Lesen hatte sie sich anfangs ein süffisantes Schmunzeln aufgrund des etwas schwülstigen Schreibstils und der blumigen Darstellung nicht verkneifen können. Das Ende allerdings ernüchterte sie und der letzte Satz wirkte wie ein kleiner Schock.
© Dieter R. Fuchs

Buchbeschreibung:
Peking im Jahr 2036: Im unterirdischen Kulturgüter-Hort und Wissenschaftszentrum der Vereinten Nationen erforscht das Team um den Experten Dr. Marco Renke die Geheimnisse eines japanischen Netsuke, einer wertvolle Elfenbein-Schnitzerei aus dem alten Japan. Sie ahnen nicht, dass im Hintergrund der Milliardär Yamagata Aritomo skrupellos die Fäden zieht, mit einer sehr persönlichen Motivation. Die Forscher werden in unglaubliche und verwirrende Zusammenhänge verstrickt. Aus seriöser wissenschaftlicher Archäometrie wird immer mehr eine Abenteuerreise in die Vergangenheit ihres Untersuchungsobjekts. Schritt für Schritt erkennen sie die wahre Dimension ihres Projekts …
Empfohlen ab 12 Jahren

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Britta Kummer ist Autorin. Sie schreibt Kinder-, Jugend- und Kochbücher, wurde in Hagen geboren und wohnt heute in Ennepetal.
Zusätzlich gibt es auch zwei Bücher zum Thema MS. Diese sind aber keine Fachbücher über die Krankheit MS (Multiple Sklerose), sondern die MS-Geschichte der Autorin.
Ihr Buch „Willkommen zu Hause, Amy” wurde im Januar 2016 mit dem Daisy Book Award ausgezeichnet. Der Kärntner Lesekreis „Lesefuchs“ vergibt in unregelmäßigen Abständen diese Auszeichnung für gute Kinder- und Jugendliteratur.
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