Buchtipp: Im Schatten von Schlägel und Eisen

cover_im_schatten1-193x300 Buchtipp: Im Schatten von Schlägel und Eisen  Hilde Niggetiet hat in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Geschichte ihrer Großeltern und Eltern handschriftlich dokumentiert. Jörg Krämer hat die Aufzeichnungen in Buchform gebracht. Herausgekommen ist die spannende -reale- Geschichte der Familie Biel.

1865: Das Ehepaar Biel lebt mitten im Ruhrgebiet. Johannes Biel ist Bergmann auf der Zeche Neu-Iserlohn. Seine Ehefrau, Wilhelmine Biel, bringt acht Kinder zur Welt, die sie in armen Verhältnissen resolut aber liebevoll großzieht.
Abseits der glanzvollen Geschichten bekannter Industriellenfamilien gewährt der Autor tiefe Einblicke in das Leben der einfachen Bergleute.
Die Arbeit auf der Zeche ist dabei nur am Rande Thema. Der Blick ist immer in die Familie und das Gefühlsleben hinein gerichtet.
Der Leser lernt die Werte dieser Zeit kennen, und wie sie vermittelt wurden. Werte, die sich teilweise gravierend von unseren heutigen unterscheiden.

Die genannten Personen haben alle gelebt; die Schauplätze existieren teilweise heute noch. So ist die Zeche Neu-Iserlohn die heutige JVA Bochum-Langendreer.

Buchdaten:

  • Herausgeber ‏ : ‎ net-Verlag; 5. Edition
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3957200372 oder als Ebook

Leseprobe:

“…Endlich kam die Hebamme. „Na, Frau Biel, das ist doch fein, dass es das Baby so eilig hat, da haben sie bis zur Konfirmation alles hinter sich. Es ist ja gleich soweit, nur Mut.

Sie kleines Fräulein, machen heißes Wasser.“ „Johanna, bring mich nach oben, du weißt doch, die Möbel kommen gleich.“ „Oh, Mutter, das habe ich ganz vergessen. Wie kannst du nur jetzt daran denken?“ „Mimmi und Elisabeth kommen auch aus der Schule. Halte sie unten fest, bis alles vorbei ist. Wo ist August? Johanna, den haben wir ganz vergessen.“ „Frau Biel, regen sie sich nur nicht auf, der ist so pfiffig, hat sich bestimmt versteckt.“

Mutter schrie so laut, dass es Johanna unten hörte, dann war es wieder ein paar Minuten still. Johanna suchte alles ab und rief immer wieder:“August, bitte komm aus deinem Versteck!“ Aber es rührte sich nichts. Vor Angst merkte sie gar nicht, dass die Mädels gekommen waren. „Johann, was ist denn los, warum weinst du so?“ „Ach, Kinder, Mutter bekommt ihr Baby und August ist weg. Ich habe in jeden Winkel nachgesehen, er ist nirgends zu finden.“ „Darum brauchst du doch nicht weinen. Der spielt uns mal wieder einen Streich.“ „Hoffentlich habt ihr Recht. Jetzt esst und macht eure Schulaufgaben.“ „Nein, wir wollen erst zu Mutter.“ „Elisabeth, ihr seid doch vernünftig, ein bischen müsst ihr noch warten.“ Endlich kam Vater. Johanna lief ihm entgegen. „Komm schnell zu Mutter!“ „Johanna, es ist doch nichts passiert, beruhige dich.“ Vater nahm immer drei Stufen auf einmal. Die Hebamme rief:“Es wird höchste Zeit. Ich glaube wir brauchen einen Arzt.“ Er rannte gleich los, so schwarz wie er war. Jetzt kamen auch Fritz, Johann und Wilhelm. Sie konnten kaum etwas aus Johanna raus kriegen, so aufgeregt war sie. Als sie hörten, dass Vater den Arzt holen musste wurden sie auch unruhig. Fritz sagte nur immer:“Beruhige dich, Johanna, es ist gleich vorbei.“ Aber diesmal war es doch schwieriger. Als Vater mit dem Arzt kam dauerte es nicht mehr lange. Alle atmeten auf, ein kleines Mädchen, mit grauschwarzen Haaren. Vater musste erst seinen Kohledreck abwaschen, erst durfte er das Zimmer nicht betreten, und dann nur ganz kurz.

„Ihre Frau braucht äußerste Ruhe.“ Vater weinte das erste Mal, dass es seine Kinder sahen. Er hatte den ganzen Tag gebetet:“Lieber Gott, lass sie nicht sterben.“ „Aber Johann,“ sagte Mutter „es ist vorbei.“ „Mein Liebes, ich verspreche dir, es war das letzte Mal.“ Mutter nickte nur, sie war so erschöpft. Die Kinder durften nicht zu ihr, vielleicht Morgen. Sie musste unbedingt schlafen. Als sich alle ein bischen beruhigt hatten fragte Vater:“Wo steckt August denn?“ „Oh,“ sagte Johanna „das habe ich ganz vergessen. Er ist schon den ganzen Mittag weg. Mimmi meinte, der hat sich versteckt.“ „Aber doch nicht den ganzen Nachmittag. Jungs, wir müssen ihn suchen.“ Er war einfach nirgends zu finden.

Oma traf fast der Schlag. „Mein Bub, du bist doch nicht ganz allein gekommen?“ „Aber Junge,“ rief Großvater „weiß Mutter, das du hier bist?“

„Nein,“ sagte August „die ist ganz krank. Sie hat so laut geschrien, da bin ich vor Angst weggelaufen.“ „Mein Gott, Vater, schnell hol meinen Mantel!“ August fragte:“Oma, kann ich nicht hier bleiben?“ „Ja,“ sagte Opa „dann bist du schneller da. Was denkst du, wie die den Kleinen suchen. Es glaubt doch keiner, das der Knirps den Weg zu uns findet.“ „Junge, wie kannst du so was machen?“

Opa grinste, so ernst die Sache auch war. Oma lief so schnell sie konnte, sie hatte sich noch nicht mal den Mantel zugeknöpft.

Elisabeth rief:“Oma kommt! Mein Gott, der Junge ist bestimmt zu ihr gelaufen.“ „Nein,“ sagte Johanna „das ist doch unmöglich.“ Vater dachte:“Jetzt geht ein Donnerwetter los.“ Aber Oma sagte nur:“August ist bei uns. Wo ist Wilhelmine?“ Sie war so ruhig oder täuschten sie sich? Ganz bestimmt, denn Oma war noch nie so aufgeregt gewesen. Sie schaffte kaum noch die Stufen rauf. Wilhelmine schlief so ruhig, da zog sie leise die Tür zu und ging wieder nach unten. „Was glotzt ihr mich alle so an, hab ich was Besonderes an mir?“ „Nein, Oma, du hast nur vergessen deinen Mantel zu zuknöpfen.“ Alle atmeten auf. „Was war hier ein Theater um August.“ „Dem werde ich ganz schön den Hosenboden versohlen, oder hast du das besorgt, Oma?“ „Wie könnte ich, wo er in seiner Angst zu mir gelaufen ist um Hilfe zu holen? Opa behält ihn ein paar Tage bei sich. Da ist hier ein bischen Ruhe. Wie ist das alles so plötzlich gekommen?“ Johanna erzählte alles ausführlich. Da meinte Oma:“Das sieht meiner Tochter ähnlich, aber es tut mir schon ein bischen leid, dass die Überraschung nicht gelungen ist.“ „Doch,“ sagte Fritz „es lief nur anders als es sich die Beiden ausgedacht hatten. Jetzt machen wir den Rest, dann freut Mutter sich, wenn sie aufsteht. Hoffentlich schafft sie es!“

Vater war schon wieder zu ihr gegangen. Er sagte nur immer wieder:“Mutter, das war das letzte Mal.“ Damit wollte er Mutter beruhigen. „Ist Oma da?Sie soll zu mir kommen.“

„Sag, Oma, woher wusstest du es?“ „Das erzähl ich dir, mein Mädel, wenn du wieder auf den Beinen bist.“

Mutter erholte sich langsam wieder. Sie dachte nur an Mimmis Konfirmation, es waren nur noch Tage. „Ich muss es bis dahin schaffen.“ Sie hatte ja so einen eisernen Willen. Oma sah nach dem Rechten, dass jeder seine Aufgabe erfüllte. Damit Mutter ja ihre Ruhe hatte. Johanna kam jeden Tag vorbei. „Siehst du, Mutter, alles hat sein Gutes, du hast dein Baby und Mimmi bekommt ihre Konfirmationsfeier. Ich habe mit dem Bauer gesprochen. Er bringt dich und Vater mit dem Kutschwagen zur Kirche.“ „Aber Johanna, was sollen die Leute denken?“ „Mutter, sie kennen dich doch alle so lange und werden es verstehen. Du würdest es nie zu Fuß schaffen.“ „Vielleicht hast du Recht“ „Du brauchst dir auch so keine Sorgen zu machen. Es läuft alles wie geschmiert. Du kennst Oma; jeder hat sein Pensum zu erfüllen, und jeder macht es mit viel Liebe.“ „Johanna, ich hab dich richtig lieb!“ „Ich dich auch, Mutter. Jetzt muss ich schnell zur Arbeit, die Mittagspause ist um.“ „Oh Gott, streng dich nur nicht zu sehr an, es geht mir ja schon viel besser.“

Als Johanna gegangen war, ging Oma zu Wilhelmine. Sie öffnete ganz leise die Tür. „Das habe ich mir fast gedacht, dass du schläfst. Johanna versteht es mit Menschen umzugehen. Sie strahlt so eine herrliche Ruhe aus. Alle haben sie lieb gewonnen. Berta und Viktoria sind auch in Ordnung. Aber Johanna ist anders, ich kann es nicht so beschreiben.“ Man konnte keinen Fehler an ihr entdecken. Fritz konnte wirklich stolz auf sie sein. Heinrich versuchte seine Gefühle zu unterdrücken. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er in Johanna verliebt war. Das durfte einfach nicht sein. Trotzdem ging immer wieder ein Strahlen über sein Gesicht, wenn er Johanna sah. Mutter hatte es längst gemerkt, und sie war ein bischen in Sorge. „Vielleicht ist es nur eine Schwärmerei. Wie bei der ganzen Familie.“

Großvater hielt es auch nicht mehr aus. Er nahm August an der Hand: „Weißt du, mein Junge, ich glaube die Bagage hat uns vergessen. Wir wollen doch wissen was los ist.“ August lief immer ein Stück vor, Opa konnte bald nicht mit, aber er ließ sich nichts anmerken. Alle waren platt, als sie die beiden kommen sahen. „Opa“, rief Mimmi „fein, dass du kommst, Oma hatte schon ein schlechtes Gewissen.“ „Das hat sie auch zu Recht, ich müsste sie übers Knie legen. Uns einfach zu vergessen.“ „Aber Alter, wie könnte ich das? Aber hier geht’s drunter und drüber. Da bleibt keine Zeit zum vielen Denken. Geh erst mal zu deiner Tochter.“ „Oh, Vater“, sagte Wilhelmine „das ist aber eine Überraschung.“ „Und erst mal für mich. Willst du mir die kleine Zigeunerin nicht zeigen?“ „Doch, Vater. Sieh nur, wie süß.“ „Ja, mein Kind. Ich dachte, Oma hätte mal wieder übertrieben, aber die Kleine ist wirklich hübsch. Sag mal, wie viele möchtest du denn noch?“ „Bitte, Vater, hör bloß auf. Mir reichts.“ „Das habe ich schon öfter gehört. Die Hauptsache ist, du bist wieder auf dem Posten.“ „Sag das mal deiner Frau. Vielleicht kann ich dann aufstehen.“ „Bleib du ruhig noch zwei Tage liegen, es geht auch ohne dich rund.“ „Ja, Opa“, sagte Johanna „mir glaubt sie das nicht.“

„ Jetzt lass dir erst mal einen guten Kaffee kochen, dann trinken wir einen Schnaps zusammen. Einverstanden?“ „Ja, mein Junge, geht in Ordnung…“

Infos zum Buch und zum Autor: https://www.ruhrpottstory.com/

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