Laut aktuellen Studien entspricht der Gesundheitszustand der Migrantinnen und Migranten in Deutschland in etwa demjenigen der Mehrheitsbevölkerung. Allerdings treten bei Menschen mit Migrationshintergrund bestimmte Gesundheitsrisiken häufiger auf oder führen zu stärker
ausgeprägten Krankheitsbildern.

imap- Institut
So ist beispielsweise das Risiko an Magenkrebs zu erkranken für Migrantinnen und Migranten
deutlich erhöht. Zudem ist unter den Menschen mit Migrationshintergrund bei der Erkrankung mit
Lungenkrebs seit den Beobachtungen in den 80er Jahren eine höhere Sterberate festzustellen.
Auch das durchschnittliche Sterbealter liegt zum Beispiel bei türkischen Patientinnen und
Patienten, die an Herzerkrankungen leiden, mit 54 Jahren ca. 10 Jahre früher als bei deutschen
Staatsangehörigen mit ähnlichen Krankheitsbildern.
Auf der anderen Seite scheint der Bereich der Vorsorgeuntersuchungen noch immer nicht
ausreichend von den Migrantinnen und Migranten genutzt zu werden, was zu einer langfristigen
Verbesserung der Gesundheitssituation führen könnte. Vor allem im Bereich der Kindergesundheit
sind enorme Unterschiede zu identifizieren. Laut den Ergebnissen des Kinder- und
Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) sind die Durchimpfungsraten gegen Diphterie und Tetanus bei
Kindern mit Migrationshintergrund im Alter von 11- 17 Jahren geringer als bei Kindern ohne
Migrationshintergrund. Auch die Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder ist
nach diesem Bericht bei Kindern mit Migrationshintergrund niedriger. So haben 14% der Kinder die
Früherkennungsuntersuchungen U3-U9 nicht in Anspruch genommen, demgegenüber 2% der
Kinder ohne Migrationshintergrund.
Zugangsbarrieren
Als eine elementare Zugangsbarriere zeigen sich häufig die sprachlichen Defizite, die auch durch
so genannte „Laiendolmetscher“ nicht behoben werden können. Für eine adäquate Übersetzung
fehlt es bei diesen Dolmetschern an medizinischem Fachwissen. Auch aus Rücksichtnahme oder
aus Schamgefühl wird dem Patienten oft nicht korrekt übersetzt. Neben der großen Barriere der
richtigen Kommunikation sind auch kulturelle Unterschiede, geringe finanzielle Ressourcen und
Unkenntnis über Krankheitsentstehung oft ein Hemmnis. Um das Risiko der Erkrankungen zu
senken, fordern die Ärzte eine vermehrte Einstellung von bilingualen Ärzten und zweisprachigem
Fachpersonal, damit die große Hürde der Sprache minimiert werden kann. Somit könnten die
Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer Muttersprache eine optimale Behandlung erhalten.
Präventive Maßnahmen aus Sicht der Praxis
Aus der Praxis lassen sich zahlreiche Bemühungen anführen, die dazu beitragen wollen, den
Menschen mit Migrationshintergrund einen vollständigen Zugang in das Gesundheitssystem zu
ermöglichen. Hervorzuheben ist dabei das Gesundheitsprojekt „MIMI- Mit Migranten für
Migranten“, das in zahlreichen Städten in verschiedenen Bundesländern in Deutschland erfolgreich
durchgeführt wird. Ziel dieses Projektes ist es, Menschen mit Migrationshintergrund mit dem
deutschen Gesundheitssystem vertraut zu machen, ihre Eigenverantwortung zu fördern und damit
langfristig ihre Gesundheitssituation zu verbessern. Zu diesem Zweck werden Migrantinnen und
Migranten mit guten Deutschkenntnissen zu Gesundheitsmediatoren ausgebildet, die dann in ihrer
Muttersprache Kampagnen und Informationsveranstaltungen durchführen.
Best –Practice: Stadt Nürnberg
Die Stadt Nürnberg hat zu dem MIMI-Projekt das KOM- MA Projekt initiiert, das fremdsprachiges
Informationsmaterial zur Verfügung stellt. Damit wird die Anamnese der ausländischen
Migrantinnen und Migranten erleichtert und in der jeweiligen Muttersprache informiert, aufgeklärt
und beraten.
Zudem bietet die Klinik in Nürnberg einen Fernlehrgang „Migrantinnen und Migranten im
Gesundheitswesen“, der in 13 Wochen Kenntnisse im Bereich der Gesundheit vermittelt. Auch der
Betreuung von Frauen mit Migrationshintergrund wird in verschiedenen Projekten in Nürnberg
eine spezielle Aufmerksamkeit gewidmet. So werden beispielsweise an der Frauenklinik II
schwangere Migrantinnen durch muttersprachliches Fachpersonal betreut und aufgeklärt.
Beratung zur interkulturellen Ausrichtung
Um den interkulturellen Dialog zu unterstützen bietet das imap Institut Seminare zur
Interkulturellen Öffnung der Verwaltung (z.B. auch für Pflegepersonal) an, erstellt mehrsprachige
Flyer und entwickelt Konzepte zur Verbesserung der Beratungsangebote.