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Eröffnungsrede Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Your Excellency Mr. President Barroso, Monsieur le Président de la République, Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Wulff, Exzellenzen, Dear Steve Ballmer Meine sehr verehrten Damen und Herren Minister und Abgeordnete, Meine sehr geehrten Damen und Herren! Auch meinerseits ein sehr herzliches Willkommen zu dieser faszinierenden Veranstaltung. Ich kenne die CeBIT seit ihren allerersten Anfängen im Jahr 1986. Mein eigenes Unternehmen ist mit der CeBIT groß geworden.

Die Messe von gestern hat mit der CeBIT heute kaum noch etwas gemein. Sie ist Spiegel der Veränderungen in der ITK-Welt, und die Veränderungen geschehen rasant. Staaten die früher lediglich als verlängerte Werkbank hochentwickelter Länder gedient hatten, sind inzwischen bedeutende Player in Entwicklung und Produktion. Vor diesem Hintergrund hat die Schließung des letzten Handywerks in Deutschland und seine Verlagerung nach Rumänien ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Politik und Öffentlichkeit erfahren. Dabei war es nur der Schlusspunkt eines seit Jahren erkennbaren Trends. Wesentlich größere Standorte wurden geschlossen oder von 20.000 auf 2.000 Mitarbeiter heruntergefahren - ohne dass dies die Alarmglocken in Politik und Presse zum Klingen gebracht hätte. Nehmen wir es deswegen als ein letztes Zeichen, damit nun die Diskussion über den ITK-Standort, wie vom BITKOM schon seit Jahren gefordert, in Gang kommt. Gerade heute blickt die Hightech-Welt auf uns. Wir müssen rechtfertigen, dass die CeBIT in Deutschland nicht nur einen traditionellen Standort besetzt, sondern auch einen Standort, der durch Innovation, wirtschaftlichen Erfolg und ausgezeichnete Perspektiven in unserer Branche gekennzeichnet ist. Deutschland ist Exportweltmeister. Im ITK-Sektor und bei Consumer Electronics sind wir aber Netto-Importland. Wir importieren für elf Milliarden Euro mehr als wir exportieren. Dieses Schicksal teilen wir mit fast allen anderen europäischen Ländern. Nur drei der dreißig europäischen Staaten haben eine positive Handelsbilanz im Hightech-Sektor: Schweden, Finnland, Irland. Drei von dreißig! Für viele der internationalen IT-Unternehmen im Saal gehört Deutschland weltweit zu den drei interessantesten Absatzmärkten. Umsätze von 144 Milliarden Euro und dauerhafte Wachstumsraten von zwei bis drei Prozent machen Deutschland als Markt weltweit zur Nummer drei nach den USA und Japan. Absatzmarkt sind wir gerne, müssen und wollen aber mehr sein. Auch als Standort für Entwicklung und Produktion müssen wir wieder hoch interessant werden. Indem wir uns in Deutschland attraktiver machen, machen wir auch Europa attraktiver. Die Voraussetzungen sind gut. Deutschland ist immer noch stark in der Grundlagen- und Anwendungsforschung. Die jüngst vergebenen Nobelpreise haben das wieder eindrucksvoll gezeigt. Mit 5.600 europäischen Patentanmeldungen allein im ITK-Bereich ist Deutschland in Europa Spitzenreiter. Ein Viertel aller deutschen Patentanmeldungen kommt aus der ITK. Wirkliche Bedeutung haben Patente aber nur, wenn sie in Produkte und Arbeitsplätze umgesetzt werden. Hierzu jedoch gibt es keine offizielle Statistik. Mit Unternehmen wie SAP sind wir Weltmarktführer bei Business-Software. Firmen wie IBM und HP unterhalten noch große Entwicklungszentren bei uns. Wir sind gut bei Sicherheitstechnologien und in der Biometrie. Wir sind stark bei Embedded Systems, ein Weltmarkt von derzeit 135 Mrd. Euro Volumen und mit jährlichen Wachstumsraten von 9 Prozent. Wir haben Chancen bei IT-Utility Services und bei SOA - ein Markt, der bis 2010 weltweit auf 146 Milliarden Euro wachsen soll. IPTV und mobiles Fernsehen, RFID und Auto-ID, Mikroelektronik, Verkehrstelematik und E-Health: Das sind Zukunftstechnologien, deren Märkte regelrecht explodieren und bei denen wir viel zu bieten haben - wenn wir unsere Kräfte bündeln und konsequent einsetzen. Die Chancen sind da - gleichwohl: Wir bezeichnen uns selbst als Land der Ideen, was aber fehlt, ist diese Ideen auch in wirtschaftliche Erfolge und Arbeitsplätze umzusetzen. Deshalb brauchen wir einen konsolidierten, ganzheitlichen Ansatz - und wir brauchen ihn schnell. In diesem Sinne schlage ich ein Programm in fünf Punkten vor: 1. Wir setzen uns das klare Ziel, in Europa die Nr. 1 im ITK-Sektor zu werden und weltweit unter die Top 5 zu kommen. Nummer eins in Europa bedeutet keine alleinige Vorherrschaft. Es soll unser Beitrag für den Hochtechnologiestandort Europa sein, um dann gemeinsam mit unseren Nachbarn einen Spitzenplatz in der Welt einnehmen zu können. Wir müssen die Leadership in Forschung und Entwicklung erreichen, im einschlägigen Bildungsbereich und im Public Sector. Wir müssen unseren Platz messen. Nur was man messen kann, kann man verbessern. Die Fortschritte können auf den jährlichen IT-Gipfeln diskutiert werden.

2. ITK gehört in das Zentrum der Forschungs- und Wirtschaftspolitik. Wegen der bekannten Querschnittsfunktion der ITK ist sie auch für die erfolgreichen Branchen Automobilbau, Maschinenbau, Medizintechnik usw. enorm wichtig. Ein Ineinandergreifen der High-Tech-Forschungsstrategie und der Wirtschaftspolitik ist dazu unabdingbar. Es genügt nicht, nur gute Forschungsergebnisse zu erzielen, wenn diese nicht den Weg in Produkte und auch Arbeitsplätze finden. An vielen Stellen in Deutschland, auf Länder- und sogar auf kommunaler Ebene sind gut gemeinte Hightech-Parks eingerichtet worden. In vielen Fällen sind sie aber zu klein und eher Schmuckstück der lokalen Politik. Ein Vergleich mit Silicon Valley oder Bangalore zeigt die Schwäche. Nicht kleckern sondern klotzen muss deshalb die Losung sein. Wir brauchen Exzellenz-Cluster, die international wettbewerbsfähig sind.

3. Bildung: Wir müssen unsere Ressourcen nutzen, nicht verschwenden. Wer in Deutschland ein Informatikstudium absolviert hat, versteht etwas vom Fach. Aber: An der Spitze fehlt die Masse. Nirgendwo in Europa ist die Ingenieursrate niedriger als in Deutschland. Abbrecherquoten müssen gesenkt, mehr Frauen für ITK begeistert werden. Förderung durch bessere Betreuung in kleineren Gruppen ist das Lösungswort. Derzeit ist das Diplom eine Art Abschiedsbrief von der Hochschule. Ihn müssen wir umschreiben zu einer Eintrittskarte in eine ganz neue universitäre Welt. Wir müssen unser öffentliches Bildungssystem umbauen zu Wissens-Dienstleistern, die uns unser Leben hindurch begleiten. Ganz gleich, ob jemand 20 Jahre alt und Vollzeitstudent oder 60 Jahre und Spitzeningenieur ist.

4. Durch eine Gründungs- und Wachstumsstrategie muss sichergestellt werden, dass gute Ideen aus der Forschung in erfolgreiche Produkte und erfolgreiche Marktstrategien umgesetzt werden. Die Fokussierung auf Start-up-Gründungen ist sicher lobenswert. Aber wenn diese hinterher in der Konkursstatistik landen, bringen sie nichts. Wir brauchen tatkräftige Unternehmer und Manager. Diese sollten motiviert und geachtet werden. Sie tragen dafür Sorge, dass möglichst schnell mehr Unternehmen Weltmarktstellung erreichen. Hierzu müssen wir unsere internationalen Netzwerke, wie Botschaften, Konsulate, Auslandskammern bis hin zu Goethe-Instituten nutzen. Politische Delegationsreisen sollten dazu dienen, jungen Unternehmensgründern internationale Kontakte zu öffnen.

5. Der Staat sollte Katalysator bei ITK-Innovationen sein. Er gibt im Jahr mehr als 10 Milliarden Euro für ITK-Produkte aus. Damit beeinflusst er faktisch auch den Markt. Er kann durch innovative Beschaffungsprogramme gezielt technologische Innovationen anreizen. Er kann Leuchttürme nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Produktentwicklung setzen. Nicht bürokratische Regelungen und Beschaffungsformalitäten sind gefragt, sondern innovative, neue Produkte - auch im E-Government. Ein solches Programm ist anspruchsvoll, und es lässt sich nicht im Alleingang verwirklichen. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Und es ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Bund, Ländern und der EU. Den besonders engen Schulterschluss suchen wir als BITKOM mit unseren Partnerländern. Unser Partnerland 2008 ist Frankreich. Es ist uns eine Ehre, verehrter Herr Staatspräsident Sarkozy, dass Sie heute hier sind. Sie setzen Ihrerseits damit ein Zeichen für die Partnerschaft unserer beiden Länder - gerade auch im Hightech-Sektor. Frankreich und Deutschland haben mehrfach gezeigt, dass sich gemeinsam viel erreichen lässt. Die Luftfahrtindustrie war in Europa so gut wie abgeschrieben. Heute ist sie weltweit führend. Ein Airbus für die europäische ITK-Industrie - das ist es, was ich mir seit Jahren wünsche. Der GSM-Standard war ein solcher Airbus. Er hat Unternehmen wie Nokia und Ericsson groß gemacht und zu Weltgeltung verholfen. Galileo hätte ein weiterer Airbus werden können. Ich will offen sagen: Ich bedauere sehr, dass wir uns nicht schneller haben einigen können. Aber noch ist es nicht zu spät! Meine Damen und Herren, ein Airbus für die europäische ITK-Industrie - das ist es. Dazu müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Wie dies geschaffen werden kann, habe ich mit meinen fünf Punkten zu zeigen versucht: Klare Zielsetzung. Ganzheitliche Forschungs- und Wirtschaftspolitik. Investitionen in Bildung. Gründungs- und Wachstumsstrategie. Katalysatorrolle für den Staat. Basis dieser Strategie ist auch der BITKOM mit seinen mehr als tausend Mitgliedern. Ich lade Sie ein, bei uns mitzumachen und gemeinsam Visionen für den ITK-Standort Deutschland zu entwickeln und umzusetzen. Eine zentrale Rolle kann zudem die CeBIT spielen. Sie bringt im Herzen Europas jedes Jahr die weltweit führenden Unternehmen der ITK-Branche, der Consumer Electronics und künftig auch der digitalen Medien zusammen. Nirgendwo auf der Welt ist an einem Ort so viel IT-Power konzentriert wie hier auf der CeBIT. Diese Kraft wollen wir nutzen, für den Hightech-Standort Deutschland und für Europa.

Ihnen allen, ganz gleich ob Aussteller oder Besucher, wünsche ich interessante Kontakte, gute Geschäfte, den besten Erfolg.

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